Slow Food – und jetzt?
Slow Food ist vor mehr als 30 Jahren mit einem klaren Ziel angetreten: gegen eine Lebensmittelproduktion, die immer schneller, billiger und einheitlicher wurde, und für gutes Essen, handwerkliche Herstellung, regionale Lebensmittel und den Respekt vor Mensch, Tier und Natur.
Vieles davon ist heute in der Gesellschaft angekommen. Wir interessieren uns für die Herkunft unserer Lebensmittel, für regionale und saisonale Erzeugung, für Tierwohl und Artenvielfalt. Alte Sorten und traditionelle Lebensmittel sind im Blick, handwerkliche Qualität wird neu geschätzt. Begriffe wie regional, nachhaltig und fair gehören längst zum allgemeinen Sprachgebrauch. Slow Food hat diese Entwicklung mit angestoßen und begleitet.
Doch was konnten wir tatsächlich ändern? Unser Ernährungssystem jedenfalls nicht grundlegend. Die industrielle Lebensmittelproduktion ist mächtiger denn je. Landwirtschaftliche Betriebe verschwinden, ebenso viele Strukturen des Lebensmittelhandwerks. Produzenten stehen unter enormem Kosten- und Preisdruck, während Handel und Lebensmittelindustrie ihre Marktposition weiter ausbauen. Und selbst die Begriffe, für die Slow Food einst streiten musste, sind inzwischen Teil des Marketings geworden.
Der Gegner ist heute weniger leicht zu erkennen als damals. Er heißt längst nicht mehr Fast Food, sondern steckt in einem System, das Lebensmittel als möglichst billige, jederzeit verfügbare und standardisierte Ware betrachtet. Er zeigt sich dort, wo Vielfalt durch Einheitlichkeit ersetzt wird, wo der Preis wichtiger ist als die Qualität und wo die Menschen hinter unseren Lebensmitteln unsichtbar bleiben.
Es reicht nicht, dass gute Lebensmittel, Artenvielfalt oder regionale Landwirtschaft anerkannt sind. Sie müssen auch eine wirtschaftliche Zukunft haben. Bauern, Bäcker, Metzger, Müller, Wirte und andere Lebensmittelhandwerker brauchen Kunden, die ihre Arbeit schätzen und bereit sind, dafür einen fairen Preis zu bezahlen.
Hier liegt unsere entscheidende Aufgabe: nicht nur über eine andere Esskultur zu reden, sondern die Menschen sichtbar zu machen, die sie möglich machen. Wir zeigen, wo gute Lebensmittel entstehen, wer dahintersteht und warum es sich lohnt, diese Strukturen zu erhalten. Aus Überzeugung muss konkretes Handeln werden – beim Einkauf, beim Essen und bei der Unterstützung der Menschen vor Ort.
Vieles ist erreicht. Aber der ursprüngliche Anspruch ist noch lange nicht eingelöst.
Es gibt viel zu tun. Wir bleiben dran!
